“Stellt Euch vor es gibt Olympia und keiner geht hin!”

Unter dem Begriff “Zentralisierung” haben der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Ruderverband (DRV) eine Reform des Leistungssports im Rudern angekündigt, die die Anzahl der Medaillen auf den Olympischen Spielen erhöhen soll. Dieser Ansatz soll für alle olympischen Sportarten gelten und bis 2018 umgesetzt werden. Auf Basis existierender, von Verbandsgremien aber noch gar nicht verabschiedeter, Papiere wird erklärt, dass Kaderathleten ihre Förderung verlieren, wenn sie nicht in die Bundesstützpunkte ziehen. Zudem werden nur die Athleten auf eine Weltmeisterschaft oder Olympiade in den Zielbootsgattungen fahren können, die am Stützpunkt leben. Regionalfinanzierte, nicht am Stützpunkt trainierende Zielboote bekommen keine Chance, sich zu qualifizieren. Wir haben vor uns den Ansatz Zentralisierung mit Zugangsmonopol.

Schon eine Analyse basierend auf einem einfachen Geschäfts- und Finanzmodell zeigt, dass der Ansatz wesentliche Grundzusammenhänge im Rudersport nicht beachtet. Anstelle der erhofften zusätzlichen Medalien muss man als das wahrscheinlichste Szenario eine Aufblähung des Verbandsapparates, eine Erhöhung der Sickerquote* bei den Verbänden, eine Reduzierung der Anzahl der Athleten und ein nachhaltige Schädigung von über 150jährigen Strukturen der den Leistungssport betreibenden Vereine erwarten.

*(Unter der Sickerquote messen wir die Relation von empfangenen Geldern gegenüber weitergegebenen Geldern. Zusammen mit den Kosten misst die Sickerquote den inherenten Anspruch der zentralen Organisationen, dass nur sie die Probleme am Besten lösen können.)

Für das Rudern, eine reine Amateur-Teamsportart mit der traditionellen Wettkampflänge von 2000 Metern (5:15 bis 8:00 Minuten), unterscheiden sich die Finanzierungsanforderungen in der Gesamthöhe erheblich von denen anderer olympischer Sportarten. Die lange Aufbauphase, typisch für Ausdauersportarten, die signifikanten Trainingsumfänge von 7000 Kilometern pro Jahr und die fehlende realistische Option von Doppelstarts im Wettkampf führen zu einer vergleichsweise großen Anzahl von Ruderern in der Vorbereitung und im Wettkampf.

Man braucht 48 Ruderer inclusive Steuerleute, um das gesamte olympische Programm von Einer bis Achter besetzen zu können. Die bereits aus dem olympischen Programm gestrichenen Disziplinen, die als “Nicht Olympische Disziplinen” jährlich auf einer Weltmeisterschaft ausgefahren werden, benötigen weitere 19 Athleten. Die jungen Athleten, die aus der Juniorenklasse kommend in einer Nachwuchs- und Aufbaugruppe U23 rudern, addieren sich auf 69, um die U23-Weltmeisterschaften als komplettes Team zu bestreiten.

Somit benötigt man 136 Athleten für das deutsche Nationalteam. Für unsere Betrachtung nehmen wir an, dass man idealerweise einen sechsfachen Pool an Athleten benötigt, um als Bundestrainer ausreichend Auswahlmöglichkeiten zu haben. Somit bräuchten wir in Deutschland 816 Ruderer und Ruderinnen, die sich professionell und fokussiert auf die höchsten sportlichen Ziele vorbereiten.

Aus der Analyse des letzten olympischen Zyklus kennen wir mit ausreichender Sicherheit die Kosten pro Athlet pro Jahr. Der für die Nationalmannschaft qualifizierte Ruderer benötigt mindestens Euro 50,000 pro Jahr (Lebenshaltungskosten Euro 12,000, Vorbereitungs- und Qualifikationsphase Euro 25,000 und Phase im Nationalteam Euro 13,000), der weniger glückliche Athlet benötigt Euro 37,000. Hieraus errechnet sich ein Finanzbedarf für 816 Ruderer inklusive einem Nationalteam von 136 Ruderer von Euro 31,96 Mill pro Jahr. Um den Beitrag von Athleten, Regionen, Vereinen und DRV miteinander vergleichen zu können, müssen wir die Opportunitätskosten des Athleten berücksichtigen. Wir nehmen an, dass der Athlet im Durchschnitt für zwei Jahre seinen Berufsstart verzögert sowie eine Reduzierung seines Lebenseinkommens auf Grund einer nicht optimalen Ausbildung riskiert. Wir nehmen weiter an, dass der Athlet sich durchschnittlich für 4 Jahre den Strapazen einer Vorbereitung und den Herausforderungen eines Nationalteams unterwirft.  Bei einem jährlichen Anfangsgehalt von Euro 45,000 und angenommenem durchschnittlichen Einkommensverlust von 4% addieren sich die Opportunitätskosten für alle auf Euro 22,8 Mill. pro Jahr.

Unter diesen Annahmen ergibt sich ein Gesamtbetrag von Euro 54,8 Mill pro Jahr, der von jemandem finanziert und/oder als Risiko getragen werden muss.

 

Wer trägt das Risiko und wer finanziert?

Allgemein wird vom Athleten bzw. von seiner Familie erwartet, dass er seine Lebenshaltungskosten selbst trägt. Bei 816 Athleten ergibt dies Euro 9,7 Mill. Hinzu kommen die Opportunitätskosten von Euro 22,8 Mill,  die der Athlet als Risiko trägt. Dies ergibt Euro 32,6 Mill oder 60% des Gesamtbetrags von Euro 54,8 Mill.

Wir setzen für den DRV Euro 4,2 Mill an, die er aus verschiedenen Programmen vom Bundesministerium des Innern (BMI) über den DOSB erhält. Dies sind 8% des Gesamtbetrages.

Die restlichen Mittel von Euro 17,9 Mill, also 33%, müssen aus Töpfen der Region aufgebracht werden.

Hier liegen mir leider keine nationalen Zahlen vor. Um ein Gefühl für die Gruppen zu bekommen, nehme ich die Prozentsätze der Mittelherkunft der FRG Germania aus dem Olympiajahr 2016 für ihr U23- und Seniorteam. Danach brachte die Germania 38%, die Stadt 15%, das Land 15%, regionale Organisationen der Sportförderung 20% und Sponsoring 12% der Mittelanforderungen auf. Bezogen auf die gesamten regionalen Mittel kann man somit annehmen, dass Vereine neben der Managementleistung Euro 6,8 Mill oder 12,8% aufbringen.

Natürlich muss man auf Grund der vielen Annahmen sehr vorsichtig mit den Schlüssen sein. Es gibt jedoch deutliche Aussagen, die auch bei veränderten Annahmen stabil bleiben.

 

Aussagen:

  1. Der Athlet leistet den mit Abstand größten Beitrag an Finanzmitteln und Risikoübernahme.
  2. Die Opportunitätskosten des Athleten sind die mit Abstand höchsten Kosten.
  3. Die Beiträge aus der Region sind erheblich höher als die Beiträge vom Bund.
  4. Die vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel reichen nicht aus, um ein komplettes Olympiateam zu finanzieren.
  5. Die Sickerquote der zentralen Sportverbände ist zu hoch.

 

Konsequenzen für eine Struktur, die die Anforderungen des Ruderleistungssports in Deutschland berücksichtigt.

Wäre man heute frei, für Deutschland auf der grünen Wiese eine zielgerichtete und kosteneffiziente Struktur aufzubauen, so würde man die Gelder vom BMI als direkte erfolgsabhängige Unterstützung an die Athleten konstruieren. Die Regionen (um 8) würden in Konkurrenz um den Athleten zueinander stehen und wären dafür verantwortlich, das Gesamtangebot, Ruderprogramme und Ausbildungsprogramme in der Region zu organisieren. Der Athlet wählt sich seine Region aus. Der DRV und DOSB würden ausgesuchte Koordinierungsaufgaben übernehmen und würden aus den Regionen dafür bezahlt.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Wir nutzen die Vorteile des deutschen förderalistischen Systems, wir hätten eine größere Anzahl von Athleten und wir hätten schlanke zentrale Organisationen. Der Erfolg hängt im Wesentlichen von der Fähigkeit der Regionen ab, sich zu organisieren. Das dies möglich ist, hat uns im Rudern Dortmund vorgemacht.

Natürlich haben wir diese Option heute nicht in der Form. Wir haben aber das Potential, unsere ehemalige führende Stellung als die Rudernation zurückzugewinnen. Diesem Potential steht eine Mischung aus positiven Ansätzen und langjährigen Fehlentwicklungen gegenüber. Theoretisch haben wir bis zu acht Regionen, die alle Ressourcen haben, um entscheidende Beiträge für ein dominierendes deutsches Olympiateam zu leisten. Wir haben mit Dortmund eine Blaupause für eine regionale Organisation. Wir haben in der Region Rhein-Main vielversprechende Ansätze, sich mit allen Stakeholdern zu organisieren. Allerdings haben wir auch über Jahre gewachsene, übergroße zentrale behördenähnliche Organisationen/Verbände. Und wir haben leider in vielen Regionen eher eine verwaltende Versorgermentalität als eine unternehmerisch gestaltenden Kultur.

Vor diesem Hintergrund gilt es Veränderungen einzufordern und anzuschieben, die zum einen den Fehlentwicklungen der letzten Jahre Einhalt gebieten und zum anderen die langfristige Basis der Erfolge der letzten Jahre wieder aufbauen:

 

  1. Reduktion der BMI Fördermittel, die über die zentralen Verbände fließen, um 20%. Erhöhung der direkten erfolgsabhängigen Athletenföderung um diesen Betrag
  2. Herausforderungsrecht regional finanzierter Teams zwei Monate vor Weltmeisterschaften bzw Olympiaden gegenüber bundesfinanzierten Teams. Startrecht des schnelleren Teams.
  3. Hilfestellung, best practice Anleitungen, für die Regionen im Bemühen sich selbst zu organisieren.

 

Bei limitierten Mitteln muss man sich um den effizienten Einsatz Gedanken machen. Wer jedoch die eigenen Kostenstrukturen über fragwürdige Auswahlalgorithmen weiter aufbläht, weniger als 10% mitbringt und über das Zugangsmonopol die Hauptfinanzierer und Risikonehmer, die Atheten, Vereine und Regionen, zur Seite schiebt, beschleunigt die Fehlentwicklungen der letzten Jahre. Man muss kein Prophet sein, vielweniger braucht man neuronale Netze, Analysen auf Basis von adaptive pattern recognition oder Monte Carlo Simulationen, um der jetzt angekündigten Reform der Zentralisierung mit Zugangsmonopol jegliche Olympiatauglichkeit abzusprechen und die Chancenlosigkeit in jeder Beziehung vorherzusagen.

Der einzige Vorteil in der Umsetzung dieser „Reform“ liegt in dem Anreiz für die Regionen und für die den Leistungssport treibenden Vereine sich neu zu organisieren. Die Erfahrungen der letzten Jahre und die jetzt angestrebte Reform sollte uns gelehrt haben, dass die zentralen Verbände uns hier keine zielführenden Konzepte und Strukturen vorgeben.

 

„Stellt euch vor es gibt Olympia und keiner geht hin.“

 

Stephan Bub                                                                                                   18/12/2016