Überlegungen von Lothar Trawiel

Lothar Trawiel ist eine der ganz großen Namen im deutschen Rudersport. Seine Erfahrungen sind für uns alle, die um den für Deutschland besten Ansatz im Leistungssport ringen, von unschätzbarem Wert. Wir haben die Erlaubnis erhalten sein Anschreiben an die IGL zu veröffentlichen.

Halle- Saale , 03.03.2017

Liebe Ruderkameraden,

gestern bekam ich eher zufällig die Einladung zu Ihrer morgigen Sitzung leistungssporttreibender Vereine zur Kenntnis. Da ich mir auch sehr viele Gedanken zur weiteren Entwicklung des Leistungsruderns im DRV mache, möchte ich hiermit meine persönliche Meinung dazu äußern.

Ich habe 22 Jahre im DRV als Bundestrainer in leitenden Positionen gearbeitet und dabei auch viele Erfolge aber auch nicht so erfolgreiche Ergebnisse analysieren können.

Eine wichtige Erkenntnis war, dass die besten Ergebnisse durch eine breite Basisarbeit gesichert wurden.  Ich habe speziell im Skullbereich gearbeitet und viel Wert auf die Erreichung einer gemeinsamen Position mit den Leistungsträgern der involvierten Vereine gelegt.

Das ist sicher nicht immer für alle Beteiligten zu ihrer Zufriedenheit gelungen aber im Längsschnitt der Jahre waren viele, je nach Leistungsstand, dabei. Das betrifft nicht nur die Athleten, sondern auch die Heimtrainer.

Gerade für neue oder junge Trainer war  die Teilnahme an zentralen Maßnahmen wie Trainingslager aber auch an Zielwettkämpfen die beste Weiterbildung für ihre zukünftige Arbeit.

Es haben sich in diesem Prozess vor allem Vereine widergespiegelt gesehen, die sich für den Leistungssport engagiert haben. Das waren im Skullbereich im Wesentlichen auch jetzt noch die leistungssportlich tätigen Vereine (Im Skullbereich waren es: Leverkusen, Mainz, Koblenz, Breisach, einige Hamburger Vereine, Ratzeburg, Hannover Rostock, Potsdam, Berlin, Magdeburg, Halle Leipzig, Dresden dazu noch  kleinere Vereine aus den verschiedensten Regionen mit vereinzelten Teilnahmen).

An den aufgeführten Vereinen sieht man schon die große Verteilung in der Fläche, aber auch einen Einblick in das dominierende System im DRV als Verband der Vereine

Das soll auf keinem Fall eine nostalgische Rückschau sein, aber ich befürchte, dass bei einer stringenten Konzentration auf wenige Standorte in einem Zeitraum von 18 Monaten einiges dabei funktionell in Schieflage geraten könnte.

Wenn Seitens der DRV Verantwortlichen folgende Fragen bzw. Probleme schlüssig und argumentativ beantwortet werden können, so ist dem Konzept meinerseits keinem Vorbehalt gegeben.

  • Aktive: Wie geht man mit einem Leistungsträger um, der aus sehr persönlichem Grund einen Wechsel seines Lebens Umfeldes nicht durchführen möchte oder kann? Wird man dann das Rudern mit Leistungsziel verbieten?
  • Die Motivationslage im Hochleistungsbereich ist stark vom sozialen Umfeld geprägt. Dabei spielen das Elternhaus, der Verein, der Heimtrainer die Heimatstadt, die Freunde a. Beziehungspersonen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das sind gesicherte Erkenntnisse aus der Psychologie und jeder der es erlebt hat kann es bestätigen.
  • Die Kleinboote sind auch auf einer breiteren Stützpunktbasis in Konkurrenz langfristig besser zu entwickeln.
  • Das weitere Vorgehen in der Olympiavorbereitung ist auch weiter über ein enges Lehrgangssystem wie im vergangen O-Zyklus zu regeln. Das hat den Vorteil, dass die Athleten dazwischen einen regelmäßigen Kontakt zum vertrauten Umfeld haben.
  • Hier hat es B auch im letzten O-zyklus wenig  Veränderung in den Besetzungen gegeben.
  • Vor den letzten 18 Monate muss schon relativ klar sein wer die Großbootanwärter sind.
  • Der Bundestrainer am zentralen Bsp. hat, mit dem Leistungsdruck ein gutes Boot aufzubauen, folgerichtig wenig Zeit sich mit den aktuell schwächeren intensiver zu befassen. Der Heimtrainer incl. Umfeld fehlt dann um die Krisen zu bewältigen.
  • Wenn dann noch die Vereine aus mangelnder Motivation und materiellen Möglichkeiten aus dem Leistungssport aussteigen ist es nicht gut um  die Zukunft bestellt.
  • Letztendlich ist dann auch das Großboot gefährdet.
  • Die Ausdünnung der individuellen Leistungsfähigkeit auf der Basis eines breiten Wettbewerbs, führt aus meiner Sicht zum langfristigen Leistungsrückgang in der Breite.
  • In den 18 Monaten totaler Konzentration ist auch nicht mehr das Kleinboot attraktiv, da unsere Doktrin Richtung Großboot geht. In Rio hatten wir zum ersten Mal keine Einer  und keinen Männer Zweier ohne dabei und die wenigsten Boote im Finale und Bkl. -Teilnahmen.
  • Mit dem verpassten Platz im Großboot scheint auch ein Bruch in der weiteren Leistungsentwicklung vonstatten zu gehen. Andererseits ist dieser Platz ja nun auch relativ sicher. Das könnte dann auch z. B. im Doppelzweier wieder passieren.
  • Auch wenn das System Dortmund nicht zur Disposition steht, wäre zu analysieren, dass wir B. im Vierer nicht in die Medaillen Ränge kommen, obwohl dort im hohen Maß ehemalige Medaillengewinner des Achters rudern.
  • Die Folge ist meist eine Nivellierung am notwendigen Leistungsniveau, um im Boot zu bleiben.
  • Wie ist die Konkurrenzsituation auf einem Hof/zentr. Bsp. zu halten, wenn schon nach relativ kurzer Zeit die „Hackordnung“ klar ist und sozusagen unter dem Rollsitz steht wer im Boot sitzt.
  • Was passiert im Heimtraining mit den nicht eingeladenen Sportlern, die aber auf dem Hof ihre Vorbilder und Großbootkameraden aus den Augen verlieren. Schon im letzten O-zyklus haben junge Sportler ihre Laufbahn beendet, weil Sie für sich keine Perspektive mehr gesehen hatten (z.B. im Sf Riemen Bereich in Halle dort konnte ich es sehr nah dran beobachten).
  • Wie geht man mit einem Athlet um der im laufenden Prozess aus verschiedensten Gründen ( z. B. Krankheit, Verletzung, persönliche Umstände …)nicht in der Leistungsgruppe in Richtung Nationalmannschaft/Bootsbesatzung gelangt. Hier soll es  schon jetzt relativ rigide Antworten geben–muss abreisen. Und dann? –meist ist dann die Laufbahn beendet bzw.  regelrecht zusammengebrochen, und der Verein verliert unter Umständen einen zukunftsträchtigen Kader.
  • Aus meiner Sicht ist es notwendig, eine klare Zielorientierung über alle Jahre des O-Zyklus zu geben. Dabei geht es um komplexe Ziele. Diese umfassen die Trainingsinhalte im Umfang mit den verschiedensten Inhalten, rudertechnische Vorgaben(verantw. Verband) die Persönlichkeitsentwicklung in der sportlichen, schulisch/beruflichen Entwicklung (verantw. Heimtrainer/ Verein/ weitere territoriale verantwortliche Institutionen.
  • Der Cheftrainer hat neben der fachlichen konzeptionellen Arbeit ein höheres Maß an operativer Arbeit zu leisten, um in den Ländern/ Vereinen/Stützpunkten eine regelmäßige Kontrolltätigkeit über die geforderten Vorgaben, die Hospitation an den Stützpunkten und Hilfestellung  mit dem Sportdirektor bei org. Problemen  vorzunehmen.
  • Das war ein ursprüngliches Anliegen die Position des CT ohne eigene Athleten und TG zu schaffen. Ich habe dort zwischen 2006 und 2008 mit dem damaligen Sportdirektor maßgeblich konzeptionell mitgearbeitet.
  • Damit hätten auch jüngere Trainer die Möglichkeit sich schneller zu entwickeln und über bessere Leistungen entscheidende Motivationen für ihre Arbeit zu ziehen.
  • Trainer mit Spitzenathleten müssen auch zu zentralen Lehrgängen und Zielwettkämpfe eingeladen werden. Das ist wie o.g. der beste Weg zur Weiterbildung und damit zur Verbesserung der Arbeit in der Fläche. Außerdem erhöht das die Konkurrenz.
  • Die Athleten würden eine relativ gleich gute Vorbereitung haben, ohne auf permanente Zeit den Kontakt zum Heimatverein als Träger des Stützpunkts zu verlieren.
  • Die territorialen Stützpunkte und damit die Vereine sind weiter zu unterstützen.
  • Viele Vereinsmitglieder als die zahlenden Träger des Leistungssports möchten auch ihre Spitzenathleten zwischen den Lehrgängen auf dem Hof sehen.
  • Der Athlet kann sich so auch nicht einer Verpflichtung entziehen, möglichst keinen zu enttäuschen. Das sind jetzt sicher kleine Bausteine, aber für den Bestand des Interesses eines Vereines/Stützpunkt für den Leistungssport zu leben von entscheidender Bedeutung
  •  Zum Argument der Konzentration anderer Ländern im Leistungsrudern ist eine tiefgründige     Analyse über die Strukturen notwendig. Falls diese erfolgte, glaube ich nicht dass man sehr viel im Verhältnis 1:1 auf uns übertragen kann.
  • Es gibt sowohl in:
  • der Fläche
  • der Verteilung der Vereine,
  • der Mitgliederzahl des Verbandes,
  • der Nachwuchsarbeit (z.B. Colleges, Unis) incl. Fördermodelle nach der Schule und Wettkampfsysteme,
  • der Finanzen und Höhen der Zahlungen an Athleten
  • der Anerkennung des sportlichen Erfolges für die weiter soziale Absicherung und berufliche Förderung

mit Sicherheit beträchtliche Unterschiede.

  •  Wenn man die bestehenden Stützpunkte und damit die Vereine incl. Einzugsgebiet auf Sparflamme zurückfährt und vor Ort kein Vertreter aus der Leistungsspitze ist, werden dort auch mit der Zeit die territorial verantwortlichen (Kommune; Länder) das Interesse verlieren.- z.B. schon  mit Fußball der Regionalliga oder 3. Bundesliga  kann man anders PR machen.
  • Hier gehen dann auch noch die Fördermittel den „Bach“ herunter. Das betrifft vor allem die Standortsicherung. Wenn die Bundesmittel sinken, sinken auch die Kommunalen- und Landesmittel. Hier gibt es klar geregelte Anteilsverhältnisse.
  • Es gibt noch viele Argumente die Konzentration auf 3 Stützpunkte über 18 Monate vor Olympia, das reduzieren der Bedeutung der anderen Stützpunkte und damit auch der Territorien mit ihren Vereinen,  über den gesamten O –Zyklus nicht zu unterstützen.
  • Es gibt noch viele Argumente. Das würde aber den Rahmen eines Schriftstückes sprengen und zu sehr in noch weitere Einzelheiten gehen.

Leider kann ich auf Grund der Kurzfristigkeit meiner Kenntnis des Termins morgen nicht kommen. Für weitere Gespräche stehe ich gerne zur Verfügung.

 

Lothar Trawiel