Quo vadis DRV – Entscheidungsstruktur und Umgangskultur im Leistungssport des DRVs

 


 

Das Vorgehen im Zusammenhang mit der Umsetzung der Leistungssportreform des BMI/DOSB durch die Verantwortlichen des DRVs mag für einige Vereinsvertreter keine Überraschung sein, für erst kürzlich hinzu Gestoßene ist die Umgangskultur mehr als befremdlich. Keine oder nicht dokumentierte Beschlüsse von dem Fachresort Leistungssport, dem Präsidium und dem Länderrat sowie keine wirkliche Einbeziehung der maßgeblichen Akteure wie Aktive, Trainer, Leistungssport tragende Vereine und Länder (LRVs/LSBs) in die Konzeption und Umsetzung beschreibt einen Führungsstil der weder von dem Verbandsstatuten abgedeckt ist noch das notwendige Vertrauen für eine konstruktive Zusammenarbeit schafft.

Dabei gibt uns das DRV Grundgesetz eine Organisationsstruktur vor, die alle wesentlichen Entscheidungen und Konzepte in der sachlichen Breite und der regionalen Tiefe zu diskutieren vorgibt. Die historisch begründbare organisatorische Schwäche einer fehlenden Kontrolle des Vorstandes ist unter heutigen Kriterien einer Corporate Governance nicht mehr akzeptabel, könnte jedoch bei umsichtigen Verhalten der Verantwortlichen bis zu ihrer Behebung überbrückt werden. Das Gegenteil ist der Fall. Die vorgegebene Struktur, der Verband der Vereine, wird durch nicht- satzungskonforme Maßnahmen ausgehöhlt und mit nicht abgestimmten Ideen eines kleinen Kreises ad absurdum geführt.

Das DRV Grundgesetz organisiert inhaltlich den Rudersport in sieben Themen, die durch ein Fachresort und jeweils einem Vorsitzenden abgedeckt werden. Die Vorsitzenden werden vom Rudertag gewählt und bilden zusammen mit dem Vostand, dem Vorsitzenden des Länderrates und der Ruderjugend das Präsidium. Die Abstimmung in der regionalen Tiefe geschieht durch das Organ des Länderrats. Er besteht aus den Vorsitzenden der LRVs und entwickelt zusammen mit dem Präsidium Grundsatzprogramme und wirkt in der Umsetzung mit. Das Grundgesetz schreibt die Einführung einer Geschäftsordung für die Fachresorts vor.

Diese Struktur ist im Bereich Leistungssport bewußt ausgehebelt. Es existiert ausserdem keine Geschäftsordung wie bei den anderen Ressorts. Die von der Satzung vorgeschriebene Führung und das vom Rudertag gewählte Präsidiumsmitglied ist durch ein Leitungsteam, bestehend aus Vorstandsvorsitzendem, Sportdirektor und Cheftrainer ersetzt. Zwei vom DRV mit Aufgaben Betraute und aus Mittel des BMI Bezahlte, Sportdirektor und Cheftrainer, bestimmen sich selbst, weil man davon ausgehen muss dass der Vorstandsvorsitzende noch sehr viele andere Aufgaben zu erfuellen hat. Das Hauptamt operiert ohne wesentliche inhaltliche Kontrolle ohne institutionalisierte Beratung und tritt entsprechend auf.

Es kann nicht mehr überraschen, daß zu dieser unausgewogenen Organsisation, der fehlenden Kontrolle des Vorstandes und der weitestgehende Selbstbestimmung der drei Verantwortlichen des Leistungssport in annähernd allen Aspekten, ein hohes Maß an Intransparenz hinzu kommt. Wie ist es sonst zu verstehen, dass bis heute eine Anfrage auf dem Rudertag eine regionale Aufteilung der Förderung aus Bundesmittel zu veröffentlichen dem Inhalt nach unbeantwortet geblieben ist. In diesem Umfeld des Misstrauens bleibt man der gut funktionierenden Gerüchteküche im DRV ausgeliefert.

Aus dem einmal initierten Teufelskreislauf von Intransparenz, fehlender Abstimmung und erzeugtem Misstrauen kommen alle Beteiligten kaum mehr heraus. Es passt dann in ein sich langsam verfestigendes Bild, wenn Sachthemen, wie die Deutsche Meisterschaften, nicht offen dargestellt sondern im Kleingedruckten versteckt dem Rudertag zur Entscheidung “vorgelegt” werden, wenn inhaltliche Auseinandersetzungen nicht statt finden und die Analysen von Sportdirektor und Cheftrainer flach bleiben. Der Sportdirektor erzählt, daß er nicht mit Vereinen spricht und sprechen muß. Offenbar muß er auch nicht mit den Aktiven sprechen, den er übernimmt es gleich selbst die Umsiedlung von Aktiven samt Arbeitsplatz zu organisieren – ohne mit dem Athleten selbst gesprochen zu haben. Der Länderrat hat bis heute dem Grundsatzprogramm der Sportreform nicht zugestimmt. (Konnte er auch nie. Er wurde nie gefragt.) usw… Die Vereine empfinden ihrer Verbandsführung als arrogant, das sich mit der Leistungssportreform ins Unerträgliche gesteigert hat. Dies ist schon einmalig, billigen wir doch grundsätzlich dem Verband als ehrenamtliche gefuehrte Organisation, gerade aus unseren Erfahrungen im eigenen  Verein, ein relativ hohes Maß an Imperfektion zu.

Es gibt Auswege. Zunächst braucht es Einsicht in die Fehlerhaftigkeit des bisherigen Vorgehens. Weiterhin ein miteinander Sprechen. Die beinahe konspirativen “Gegenmaßnamen” des Sportdirektors müssen eingestellt werden.

Wir verlangen ein drei monatiges Moratorium in der Umsetzung der Reform, um die inhaltliche Arbeit, die eigentlich in 2016 hätte stattfinden müssen, zu erbringen.

Eine Arbeitsgruppe aus DRV, Ländern, Athleten und Vereinsvertreter erhält den Auftrag Lösungen für die aktuellen Herausforderungen zu erarbeiten. Dabei natürlich auch die Frage, wie wir als DRV/LRVs/Vereine an die BMI/DOSB Konzeption andocken können ohne sinnvolle Strukturen zerstören zu müssen.

Eine zweite Arbeitsgruppe erarbeitet Vorschläge wie Leistungssport treibende Vereine in die Gremien des DRV integriert werden und Entscheidungen im Bereich Leistungssport mitbestimmen können. Die Arbeitsgruppe hat ebenso den Auftrag ein Kontrollgremium des Vorstandes aus Vereinsvertretern und Größen des Rudersports  vorzuschlagen.

Die IGL bringt heute schon einen Vorschlag in die Diskussion, der die satzungsgemäße Ausrichtung des Fachresorts Leistungssport wieder herstellen soll und wie folgt lautet:

 

  1. Das im Grundgesetz nicht vorgesehene und vom Rudertag auch nicht beschlossene Leitungsteam entfällt. Es obliegt dem Vorsitzenden des Fachresorts den Sportdirektor und Cheftrainer sowie weitere im Leistungssport Engagierte als Gäste ohne Stimmrecht einzuladen.
  2. Das Fachresort Leistungssport bekommt eine Geschäftsordung in der ihm die Aufgabe übertragen wird den konzeptionellen Rahmen und Ziele für die Arbeit des Sportdirektors und des Chefstrainers zu setzen. Es erhält Budget, Personal und Fachkompetenzen, die helfen die Einhaltung dieses Rahmens durch die Beauftragten sicher zu stellen.
  3. Das Fachresort Leistungssport wird von dem durch den Rudertag gewählten Vorsitzenden Leistungssport geführt und verantwortet.
  4. Neben einem Vertreter aus dem Länderrat, zwei Athletenvertretern und dem Vorsitzenden werden vier Vereinsvertreter von Leistungssport treibenden Vereinen, die mindestens die Verantwortung des Sportdirektors im Verein tragen ernannt. (Bestimmt aus dem Kreis der Vereine, die in den letzten 8 Jahren Athleten bei jeweiligen WMs und Olympischen Spielen hatten)

 

Wir können im DRV die gegenwärtige Diskussion als Chance begreifen und selbstbewußt den olympischen Leistungssport auf Basis einer modernen und ausgewogenen Organisationsstruktur mit Unterstützung aller voranbringen. Diese Unterstützung braucht der Rudersport heute wie morgen. Allein das Studium der Norminierungsrichtlinien 2017 und der darin avisierten Kostenselbstbehalte sowie fehlenden Kostenübernahmen werden dieses Jahr die Budgets der Vereine mit Athleten, die für international Aufgaben nominiert werden, signifikant belasten.

Heute sind wir von der Ausnutzung einer Chance weit entfernt. Es ist auch nicht erkennbar, daß die Kluft zwischen Verband und Vereinen kleiner wir. Alte Verhaltensmuster des Hauptamtes bestimmen die letzten Wochen. Heute stehen wir als fremdbestimmter Befehlsempfänger dar, der Sportdirektor und der Cheftrainer führen die Vereine an der Nase herum und ignoriert jegliche interne Sachkritik.

 

Stephan Bub                                                                                                                 Westport 3/23/2017