Rede zur Trauerfeier von Walther von Wietzlow

Liebe Frau von Wietzlow,

Liebe Frau Vonoff,

Liebe Familie von Wietzlow,

Liebe Freunde von Walther,

Sehr geehrte Trauergemeinde,

 

Jeden Tag kommen Mädchen und Jungen in die Germania, wie seit jeher voller Träume und mit großen Zielen. Sie treiben zusammen Sport, messen sich in Wettkämpfen, finden Freunde. Der Ruderverein gibt den Jugendlichen einen Rahmen, eine Struktur, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln, und das nicht nur in der Rudertechnik oder der Kraftausdauer. In der Germania bekommen sie auch das Rüstzeug für die Herausforderungen des Lebens, in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf. Dieses Verständnis von Verantwortung und Fürsorge, das in der Germania herrscht, ist Walthers Werk. Die Jugendarbeit und der Leistungssport waren seine große Leidenschaft. Von all seinen vielen Verdiensten für die Germania überragt dieser alle. Walther war ein grosser Befürworter und Unterstützer der Pläne der Vorstandes auf dem neu erworbenen Grundstück im Mainfeld ein Schul- und Jugendruderzentrum zu errichten.

Vor fast sechzig Jahren kam Walther selbst als 14-Jähriger zur Germania, voller Träume und mit großen Zielen. Die verfolgte er mit Ehrgeiz und Beharrlichkeit. Angetrieben vom Traum, einmal Deutscher Meister zu werden, absolvierte er zusätzliche Trainingseinheiten mit seinem Ruderkamerad Alfred Schuh. In der Werkstatt hinter dem Modesalon von Mutter Schuh wurden Hantelstangen gestemmt, um anschließend die Fortschritte im Muskelwachstum vor den großen Anprobierspiegeln zu überprüfen. Walther hatte bald einen gut trainierten Bizeps. Der trug ihm die Anerkennung unter seines Gleichen ein. Seine Offenheit und Herzlichkeit aber brachten ihm Freunde fürs Leben. Wer hätte das damals je gedacht, daß dieser 14 jaehrige Junge sich zu einer unserer größten Führungspersönlichkeiten entwickeln sollte.

Seine Erfahrungen als junger Rennruderer und später als Familienvater prägten Walthers Einstellungen. In der Germania schuf er eine Kultur der Verantwortung und Fürsorge, die sich in vielem niederschlägt, z.B. der Hausaufgabenbetreuung vor dem Training. Unzähligen Athletinnen und Athleten stand Walther als Ratgeber und Unterstützer in ihren Ausbildungs- und Berufsentscheidungen zur Seite. Kritisch beurteilte er jegliche Unterordnung von beruflichen Zielen unter den Leistungssport. Er empfand ein solches Verlangen, egal von wem, als unverantwortlich. Die konkrete Unterstützung der Sportlerinnen und Sportler in der so wichtigen Entwicklungsphase nach der Volljährigkeit ist einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren für den Zulauf zu unserem Top-Team-Programm. Seit fünf Jahren ist die Germania mit Abstand der erfolgreichste Verein bei den Deutschen Großbootmeisterschaften. Ohne Fürsorge für die Athleten ist das nicht möglich. Mit Begeisterung organisieren unsere Alten Herren jedes Jahr ein Mentorentreffen mit den Athleten. Ein weiteres der vielen möglichen Beispiele der umgesetzten Lebensphilosophie von Walther.

In den 90er Jahren übernahm Walther Führungsverantwortung im Vorstand der Germania, später als Vorsitzender. Welch ein Glückfall! Er gab dem Verein Richtung und Identität, indem er ein altes Vereinsmotto, sein Lebensmotto, wiederbelebte:

„Aus Tradition: Verantwortung, Leistung, Erfolg.“

Seine Menschenkenntniss ließen ihm diejenigen Mitgestalter auswählen, die seine Ueberzeugungen und Leidenschaft teilten. Mit Walther in der Rolle des Dirigenten und Ratgeber brachte diese Gruppe den Glanz vergangener Jahre in die Germania zurück. Der Zeitaufwand aller war enorm. In dieser Zeit wurde von Walther der Begriff „Wertesportart Rudern“ geprägt.  Mit Leidenschaft konnte Walther über dieses Thema lange sprechen. Um in der Abarbeitung der Tagesordnung sich  möglichst  in einem vertretbaren Zeitfenster zu bewegen, gab es in dieser Zeit im Vorstand ein unausgesprochenes Einverständniss:  V e r m e i d e   j e d e   R e f e r e n z   z u m   W e r t e b e g r i f f. Gelungen ist es in den wenigsten Fällen. Immer fand  Walther  einen Bezug in den einzelnen Tagesordnungspunkten und legte los. Das späte Ende der Vorstandssitzungen war unvermeidbar.

Seine Begeisterung, seine Tatkraft waren ansteckend, viele riss er mit, wenn es um ein Engagement für den Verein ging. Eine schnelle Auffassungsgabe und ein treffendes Urteilsvermögen, gepaart mit einer großen Ausdauer machten ihn sehr durchsetzungsstark. Dabei konnte er wunderbar selbstironisch sein. Etwa, wenn ein anderes Auto auf „seinem“ Vorstandsparkplatz stand. Einmal saß ich wie so oft vormittags mit Frau Gerlach im Geschäftszimmer, als Walther zum Sport kam.  „Guten Morgen Frau Gerlach. Wir müssen dringend etwas tun. Da steht schon wieder  jemand auf meinem Parkplatz. Unglaublich, diese Respektlosigkeit!“ Mit einem Schmunzeln verließ er das Geschäftszimmer.  Dieses Schmunzeln war typisch – sagte es doch etwas ganz anderes: „Guten Morgen, schön Euch zu sehen.  Ist das nicht herrlich, was hier alles in der Germania passiert? Ich gehe jetzt trainieren. Ach ja, das mit dem Parkplatz bekommt ihr doch noch irgendwann in den Griff.“

Auftreten und Erscheinungsbild waren Walther immer wichtig – seid stolz, für was ihr steht, und zeigt es.  Es ist Walther zu verdanken, dass die Ruderer der Germania heute fast ausnahmlos einheitlich in Vereinskleidung rudern. Dies durfte ich vor rund zehn Jahren erfahren, als gelegentlicher Besucher aus Amerika und Germane der freizügigen 70ger Jahre. Gekleidet im neusten grell gelben high visibility Sicherheits T-Shirt   wunderte ich mich schon über die verstohlenen Blicke meiner Ruderkameraden. Aber keiner getraute sich, etwas zu sagen. Da erschien Walther und brachte die Erlösung. Er nahm mich mit einem Schmunzeln am Arm: „Mein lieber Stephan, wie siehst Du denn aus? Wir tragen in der Germania unsere schönen blauen Rudertrikots.“ Die Erleichterung war in den Blicken der Bootskameraden sofort zu erkennen. Heute besitze ich den kompletten Satz der Germania-Vereinskleidung, mehrfach.

Der Anspruch an sich selbst und Walthers Erwartungen an sein direktes Umfeld waren hoch. Und dennoch besaß er die Gabe, kleine Fehler an sich selbst und bei anderen zu erkennen und als menschlich zu verzeihen. Walther hatte Respekt vor Leistungen, egal in welchem Chambre sie erbracht wurden. Nicht jeder musste Ruderer sein, um auf der Skala von Walther ganz oben zu stehen (es hat natürlich geholfen).  Ob Politik, Wirtschaft, Musik oder Kunst – Walther fand immer Anerkennung für das Engagement seiner Mitmenschen.

Seit gut zwei Jahren treffen sich unsere ehemaligen Topruderer zum Achterrudern. Hoch dekorierte Athleten aus den 60ziger Jahren. Walther saß für eine Führungspersönlichkeit seines Zuschnittes ungewöhnlicher Weise im Bug und nicht auf dem Schlagplatz, wo der Takt angegeben wird. Darauf angesprochen erntete ich wieder ein Schmunzeln: „Weißt Du Stephan, da hinten habe ich alles im Blick. Ich sehe genau wer noch am Riemen zieht.“

Walther war uns in Vielem ein Vorbild. Durch sein Lebenswerk hat er uns ein Vermächtnis hinterlassen:

Carpe Diem – Nutzet den Tag – Geniesse den Tag!

Verfolgt ehrenwerte Ziele und lasst sie nie aus den Augen!

Gestaltet eure Zukunft aktiv!

Seid kein Treibholz!

Lasst euch nicht von jeder Strömung in ungewollte Richtungen tragen!

Habt Geduld und Ausdauer!

Jeder von uns ist mit vielfältigen Fähigkeiten ausgestattet. Setzt sie ein!

Seid Euch eurer Privilegien bewusst und werdet der Verantwortung denjenigen gegenüber gerecht, die diese Vorteile im Leben nicht erhalten haben!

Vertraut der Jugend und bietet ihr Entwicklungsmöglichkeiten in allen Bereichen des Lebens. Seid dabei Lehrer, Ratgeber und Förderer!

Habt Respekt vor Leistung, egal welcher Art!

Erkennt eure eigenen Unzulänglichkeiten und lernt, sie mit Humor zu akzeptieren!

Begreift Euch als Teil eines Ganzen. Ein Team, eine Familie, ein Verein, ein Unternehmen, eine Stadt!

Und wenn ihr dann in der Umsetzung seit und Gutes tut: …..Genießt den Moment!

Carpe Diem

Walthers Tod reißt bei uns allen ein schwarzes, abgrundtiefes Loch. Und dennoch:

Die Zukunft schreckt uns in der Germania nicht. Walthers Visionen und Werte werden uns die Richtung weisen.

Stephan Bub 27.10.2017