Erst der Inhalt, dann die Personen -IGL Positionspapier

Die IGL hat im Januar ihre Positionen in der Fachtagung in Mainz der öffentlichen Diskussion gestellt. Sie hat auf der Fachtagung sowie in den öffentlichen Medien wertvolle Hinweise und Ratschläge erhalten, die sie im folgenden Positionspapier zusammengefasst hat.

 

Dafür stehen wir – Das sind unsere Ziele – Das wollen wir

• Die Interessen der Aktiven müssen im Mittelpunkt des Handelns stehen!
Von den Sportlerinnen und Sportlern darf nicht ultimativ und alternativlos das widerspruchslose Befolgen von Strukturentscheidungen im Leistungssport des Deutschen Ruderverbandes eingefordert werden. Der Begriff des „mündigen Athleten“ darf nicht ad absurdum geführt werden durch die Wahl zwischen „Befolgen oder Gehen!“ Leistung und standortübergreifender Wettbewerb sollen wieder Grundlage für Erfolge sein. „Alternativen ermöglichen“ heißt, Ausbildungs-, sportlichen und familiären Belangen der Athleten Raum zu geben. Nur so kann einer frühzeitigen Abwanderung aus dem Leistungssport entgegengewirkt werden.
• Trainer müssen angemessen bezahlt und eingesetzt werden!
Bundestrainer dürfen nicht nur als Bootstrainer missbraucht werden, sie sollen die Leistungsentwicklung möglichst vieler Sportler und Trainer befördern. Alle Trainer-Kapazitäten, die im deutschen Rudersport aktiv sind, vom Bundes- über den Landes- bis zum Vereinstrainer, müssen sinnvoll koordiniert und auf die gleichen Ziele ausgerichtet werden. Bundestrainer müssen bereit sein, regelmäßig Talente aus den Vereinen vor Ort zu begutachten und einen Weg für ihre Weiterentwicklung aufzuzeigen. Umgekehrt muss es möglich sein, die Erfahrung von Vereins- und Landestrainern auf nationaler Ebene einfließen zu lassen. Ge-nerell muss die Arbeit der Trainer aufgewertet, ihr Status abgesichert und erfolgsbezogene Anreize müssen geschaffen werden.
• Die Abkehr vom Leistungssport Rudern muss gestoppt werden!
Mehr und mehr Aktive, Trainer und auch ganze Vereine kehren dem Leistungssport Rudern den Rücken, da sie hier für sich weder sportlich noch organisatorisch Zukunftsperspektiven sehen. Die Anzahl der Vereine, die überhaupt noch organisierten Leistungssport betreiben, ist deutlich zurückgegangen, weil Anreize, Entwicklungs- und Erfolgsmöglichkeiten kaum noch vorhanden sind und die Kosten als zu hoch empfunden werden. Trainer brauchen Nominierungsanreize, Aktive gerechte, transparente und wettbewerbsfördernde Nominierungskriterien. Aktive, die zeitweise im Ausland sind, müssen berücksichtigt werden.
• Leistungszentren für den Rudersport müssen flächendeckend verteilt werden!
Die geplante Konzentration der Aktiven auf nur drei DRV-Stützpunkte im nördlichen Teil Deutschlands wird die Ausdünnung auf der Ebene der Athleten und Leistungssport treibenden Vereine weiter verstärken. Alternativ muss das System der Leistungszentren so ausgerichtet werden, dass mehr Stützpunkte, die im Wettbewerb zueinander stehen, kürzere Distanzen zu Vereinen und Lebensmittelpunkten von Athletinnen und Athleten gewährleisten; wir verlieren die Sportler ansonsten! Nur so lassen sich aus einer regionalen Identifikation auch die vorhandenen Ressourcen für den Rudersport bei Sponsoren, Förderern und anderen wesentlichen Kräften vor Ort erhalten und möglicherweise zusätzlich akquirieren.
• Wir brauchen ein Leistungssportsystem für alle Alters- und Leistungsklassen!
Die Ausrichtung im Leistungssport des Deutschen Ruderverbandes hat sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem reinen Qualifikationssystem für Olympia, WM und Worldcups entwickelt. Dabei ist die Vielfalt eines Regattaangebotes für die Mehrzahl der Aktiven und ihrer Vereine nahezu verloren gegangen. Wer sich nicht für das Top-Level des DRV qualifiziert, findet über eine gesamte Saison gesehen kaum noch Startmöglichkeiten, bei denen auf seinem Leistungslevel persönliche Erfolge zu erzielen sind. Die Folge ist ein Verlust des Nachwuchses an andere Sportarten; die Auswirkungen sind bereits jetzt im U19- und U23-Bereich des DRV spürbar.
• Der Abwärtstrend im Nationen-Ranking bei WM und Olympia muss gestoppt werden!
Seit 2009 befindet sich der DRV bei den Zielwettkämpfen im A-Bereich in einem stetigen Abwärtstrend. Bis 2017 sind etwa 50% des früheren Erfolgsvolumens verlorengegangen. Besonders besorgniserregend ist, dass der Nachwuchsbereich (U 19 und U 23), der in der Vergangenheit von Deutschland international
dominiert wurde, in den letzten Jahren einen regelrechten Einbruch erlebt hat. Diese Entwicklung droht
den Niedergang im A-Bereich in Zukunft noch zu verstärken. Das schiebt unsere Sportart immer weiter an
den Rand – Sponsoren, Medien und Unterstützer verlieren das Interesse an einem Engagement.
• Topleistungssport ist keine ausschließliche Angelegenheit von Sportverbänden – die Arbeit der Vereine muss eine breitere Anerkennung finden!
Die Führung des DRV hat die vorherrschende Meinung des DOSB übernommen, dass Vereine im Leistungssport grundsätzlich ungeeignete Organisationsformen darstellen. Nicht berücksichtig wird dabei die Kraft der existierenden Leistungssporttreibenden Vereine und ihre Effizienz im Einsatz finanzieller Ressourcen, die ohne großen Sickereffekt durch aufgeblähte Verwaltungen Unterstützungen direkt beim Athleten ankommen lassen. Auch sind die Vereine traditionell und weiterhin die Keimzelle des Deutschen Ruderverbandes. Sie bilden mit ihren Trainern und Mitarbeitern den Nachwuchs aus, bieten die ersten Startmöglichkeiten und sorgen in erheblichem Maße für das „Startkapital“ der zukünftigen Nationalruderer. Mit ihren regionalen Förderern finanzieren sie einen großen Teil des Ruder-Leistungssports in Deutschland. Ihre Stimme wird aber nicht gehört. Eine wirkliche Einbindung in Verbandsentscheidungen findet nur nach Druck statt. Wir müssen zurück zu der einmaligen Stärke des DRV – zum Verband der Vereine!
• Keine undurchschaubare und geheime Cliquenwirtschaft bei Entscheidungen über Ressourcen und Strategien– wir brauchen offene Kommunikation!
Derzeit werden Entscheidungen im DRV-Leistungssport meist nur von einem sehr kleinen Personenkreis getroffen, die betroffenen Aktiven und ihre Vereine sind praktisch nicht einbezogen. Der Verband braucht zeitgemäße Führungs-, Organisations-, Kommunikations- und Beteiligungsformen, die auch bei den Mitgliedern ankommen und entsprechende Aktivitäten auslösen. Die zunehmende Arbeit darf nicht auf wenige Köpfe konzentriert, sondern muss auf mehr Schultern verteilt werden. Die schwache Teilnahme an den Regionalkonferenzen und der negative Trend bei der Entsendung von Delegierten zu den Rudertagen drücken ein steigendes Desinteresse der Verbandsmitglieder aus und sind schädlich für eine Weiterentwicklung unserer Sportart und den Verband.
• Die Finanzierung im Leistungssport muss neu geregelt und transparenter werden!
Der DRV trägt nur zu einem geringen Teil zur Finanzierung seiner Nationalmannschaften und des Hochleistungsruderns bei. Den weitaus größeren Anteil erbringen die Vereine, ihre Partner sowie insbesondere die Aktiven selber und ihre Familien. Es muss ganzheitlich dargestellt werden, mit welchen Mitteln der Leistungssport im DRV gefördert und bezahlt wird, wie sich die internationalen Aufgaben und Entsendungen von Mannschaften tatsächlich finanzieren und welche Mittel zum Beispiel für die Weiterbildung eingesetzt werden. Statt im geheimen „Blindflug“ zu reagieren, müssen die Einnahmen und Ausgaben des Verbandes und auch diejenigen der „Gemeinschaftsaufgabe Rudern“ (alle Ebenen) transparent gemacht sowie die finanziellen Ressourcen mit Verstand und zukunftsorientiert eingesetzt werden. Die bisherige Praxis, die entsendenden Vereine mit den Kosten für die Wettkampf-Teilnahme von Athleten in nicht-olympischen Bootsklassen zu belasten, muss beendet werden: Wettkampfkosten der Nationalmannschaft müssen von der Solidargemeinschaft aller Vereine im DRV getragen werden.
• Wir brauchen Veränderungen im DRV – ein „Weiter so“ führt in die Sackgasse!
Der sportliche Niedergang der letzten Jahre ist im Wesentlichen „hausgemacht“. Mit ursächlich war eine
ungeschickte Personalpolitik, die sich in einer sehr hohen Fluktuationsrate bei haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern ausdrückt. Es ist offensichtlich nicht gelungen, im DRV einen übergreifenden Team-Gedanken zu entwickeln und alle „an einem Strang“ ziehen zu lassen. In der Folge hat dies auch zu einem Rückgang des Einflusses gegenüber anderen nationalen Interessenträgern (DOSB; BMI) und auf internationaler Basis (FISA) geführt; wichtige DRV-Positionen erweisen sich zunehmend als nicht durchsetzbar. Eine interne Neuorientierung des DRV ist überfällig und bildet die Voraussetzung dafür, national und international wieder Gewicht zu erlangen.

Interessensgemeinschaft der Leistungssport treibenden Rudervereine (IGL), im April 2018