150 Jahre Germania in Frankfurt

150 Jahre Rudergesellschaft Germania – das heißt 150 Jahre Rudern und Erfolge für Frankfurt feiern– 150 Jahre gesellschaftliches und soziales Engagement von Germaninnen und Germanen für Frankfurt, und von Frankfurterinnen und Frankfurtern für die Germania – 150 Jahre gemeinsame, bestimmt wechselvolle, aber erfolgreiche Geschichte.

Seit ihrer Geburtsstunde im Juli 1869 spiegeln sich im Schicksal der Rudergesellschaft Germania auch die Entwicklung und die Herausforderungen der Stadt Frankfurt wider.

Das beginnt mit den jugendlichen Ruderern, die sich voller Tatendrang bei der Werft Leux Boote ausleihen – die beeindruckt von dem Begehren auf Freiheit und Selbstbestimmung in der Folgezeit der deutschen Revolution ihr erstes eigene Boot und dann auch den Verein „Germania“ nennen. Das setzt sich fort im Aufbau der Gesellschaft getragen von Frankfurter Bürgern mit Rang und Namen und der Glanzzeit des Rudersports in der Kaiserzeit. Zehntausende Zuschauer säumen den Main, um die Rennen unseres Achilles Wild zu sehen, dem ersten Deutschen Meister im Rudersport überhaupt.

Auch das dunkle Kapitel der Nazizeit erleben die Germania und Frankfurt gemeinsam – die Gleichschaltung der Länder, Parteien, Verbände und Vereine und die Verfolgung der Juden, die den Verein und die Stadt vieler ihrer besten Köpfe beraubt. Die Gestaltung des eigenen Schicksals weicht der Anpassung und dem Dulden von Anweisungen zentraler Organisationen.

Rückblickend stellt die Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten die gravierendste Zäsur für die bis dahin erfolgreiche und mit einer stabilen Organisationsstruktur ausgestattete Rudergesellschaft dar. Von zeitweilig mehr als 1000 Mitgliedern mit rund 250 aktiven Ruderern bedeutete der mehrheitliche Austritt unserer unterstützenden Mitglieder nach 1933 einen Einschnitt, von dem die Germania sich über 40 Jahre lang nicht erholen sollte. Die Germania verliert fast 50 Prozent ihrer Mitglieder. Der Krieg nimmt ihr zudem 123 zumeist junge Männer.

Zusammen geht man den Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg an. Die Germania ist immer noch  einer der größten und erfolgreichsten Rudervereine Deutschlands. Der Aufbau des Leistungssport läuft jedoch dem Wiederaufbau der unterstützenden Mitgliedschaft davon. Viele nationale und internationale Titel fallen in diese Zeit. Vor dem Ratzeburg Achter gab es den Niederee Achter der Germania. Detlef Damboldt und Lutz Ulbricht gehören zu den schnellsten Riemenruderern in Europa. Als Höhepunkt gewinnt Lutz Ulbricht 1968 im Deutschlandachter Gold bei den Olympischen Spielen in Mexiko. Doch die Medaillen können den schleichenden Verfall des Bootshauses am Schaumainkai nicht überstrahlen. Das Dach ist undicht, es regnet herein. Grund für diese desolate Lage  ist das Ungleichgewicht zwischen gesellschaftlicher Verankerung und sportlichem Engagement. Die Mehrheit der 300 bis 500 Mitglieder sind Ruderer, das Unterstützungsnetzwerk ist auf eine  kleine Gruppe zusammengeschmolzen.

Diesen Tiefpunkt überwindet die Germania durch die Rückbesinnung auf das, was sie stark gemacht hat – die Partnerschaft mit Frankfurt, der Stadt, den Bürger, den Firmen und den Institutionen.

Mitte der 70er Jahre übernimmt Hans Joachim Schreiber die Führung der Germania. Er ist Vorstand der Dresdner Bank und fädelt eine Partnerschaft ein, die die wirtschaftliche Basis der Germania nachhaltig sichert. Die Bank nutzt das repräsentative Bootshaus für ihre Sportgemeinschaft und gesellschaftliche Anlässe. Diese Partnerschaft hat sich heute mit der Commerzbank weiter intensiviert. Die Germania nimmt 1978 mit Helga Schreiber offiziell ihr erstes weibliches Mitglied auf.

Der Nachfolger, eine weitere herausragende Führungspersönlichkeit, Walther von Wietzlow, lässt die Jugendarbeit und den Schulsport wieder aufleben. Er treibt die Zusammenarbeit mit der Johann Wolfgang Goethe Universität und den Frankfurter Schulen voran. Als Präsident der Polytechnischen Gesellschaft knüpft er neue Bande zwischen der Germania und der Frankfurter Bürgergesellschaft. Die Rudergesellschaft engagiert sich mit vielen Helfern bei Rudern gegen Krebs, dem Row for the Cure, hebt mit dem Frankfurter Regattaverein das Frankfurter Ruderfest aus der Taufe und wird Gründungsmitglied der Rowing Champions League.

Zusammengehalten wird diese Vielzahl von Programmen durch eine Wertekultur, die uns unsere Gründungsväter vorgelebt und überliefert haben. An unserem Motto „Aus Tradition: „Verantwortung, Leistung, Erfolg“ richten sich heute noch alle Ruderprogramme aus.

Das heutige Führungsteam fühlt sich privilegiert, die Arbeit unserer Vorgänger fortsetzen zu dürfen. Sportliche Erfolge, soziales Engagement und der Bildungsauftrag sind Kern unserer Vereinskultur – als Partner der sportbegeisterten Stadt Frankfurt.

Seit 2010 ist ein Bundesstützpunkt Rudern in Frankfurt angesiedelt. Er wird geleitet von einem der erfolgreichsten Trainer Deutschlands, Ralf Hollmann. Zusammen mit dem Mainzer Ruderverein und unterstützt von vielen Partnern haben wir in der Region Rhein Main ein attraktives Umfeld für Spitzenathleten geschaffen. Wir tragen mit unserem Unterstützungsnetzwerken die finanzielle Hauptlast. Mit den sportlichen Erfolgen – 18 Medalien auf Weltmeisterschaften in den lezten 5 Jahren – hat sich die Anzahl der Unterstützer maßgeblich vergrößert. Das Land Hessen, der Olympiastützpunkt Hessen, der Landessportbund Hessen, die Stadt Frankfurt, Lotto Hessen, Prodyna, die Dr. Marschner Stiftung, die Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main, Meyer Catering, Adler Schreier und die Sparkasse Frankfurt sind prominente Partner und können sich mit Recht als Mitträger dieses Erfolges fühlen.

Mit großem Stolz sehen wir der Verwirklichung unserer Pläne eines Jugend- und Schulruderzentrums im Niederräder Mainfeld entgegen. Über die Zusammenarbeit mit anderen Frankfurter Vereinen, versprechen wir uns eine nachhaltige Verbesserung der Möglichkeiten für Nachwuchsathletinnen und -athleten.

Das Projekt ist auch Ausdruck der großzügigen Unterstützungkultur in Frankfurt. In keiner anderen deutschen Großstadt wird die Erfüllung des Generationenvertrages gepflegt wie in Frankfurt. Die Ernst Max von Grunelius Stiftung, die Willy Robert Pitzer Stiftung, die Dr. Marschner Stiftung und die Manja und Ernst Mordhorst Stiftung werden Namensgeber von Bootshaus, Bootsplatz, Terrasse und Trainingssaal und werden unseren Jugendlichen somit täglich an diese großen Gestalter von Frankfurt erinnern.

Es gibt noch eine Reihe von Projekten, die es verdient hätten, hier gewürdigt zu werden. Das Rehabilitationsprogramm zusammen mit dem Universitätsklinikum, die venezianische Ruderabteilung, der Besuch und die Ehrung der Germania auf der Royal Henley Regatta in England, oder die Ausstellung und die Festschrift „150 Jahre Germania“ –  alle sind Ausdruck einer ansteckenden Kultur, sich zu engagieren, Eigenverantwort zu zeigen und offen zu sein für andere. Das ist gerade in der jetzigen Zeit wo Besitzstandsängste den Populismus erstärken lassen und die Möglichkeiten von Europa zu vernebeln scheinen, entscheidend.  Auch hier gehen wir mit der Stadt Frankfurt Hand in Hand und stemmen uns gegen diese Strömungen.

Hierzu gehört auch die schonungslose Offenlegung der Ereignisse der nationalsozialistischen Zeit. Das Ringen um ein breites Verständnis, das Bedürfnis die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus aufrecht zu erhalten als auch das Interesse gerade heute unseren jungen Germanen die Zusammenhänge dieser Zeit zu verdeutlichen hat den Vorstand bewegt ein Forschungsprojekt in Auftrag zu geben. Unsere jungen Germanen sind unter Leitung von Frau Schwartzkopff seit Mai 2019 dabei, in akribischer Kleinarbeit aus den Lebenswegen unserer Opfer ein Gesamtbild dieser Periode zu zeichnen. Für die Unterstützung dieser Arbeit gilt unser Dank dem Institut für Stadtgeschichte, dem Jüdischen Museum Frankfurt, der Universitätsbibliothek der Göthe-Universität, der Stolperstein Initiative Frankfurt und weiteren Initiativen, die sich der Erforschung der Geschichte des nationalsozialistischem Holocaust widmen.

Ein Verein wie die Germania ist nur in Frankfurt möglich.

Das Sportamt und das Dezernat IX sind mit kompetenten und begeisterungsfähigen Mitarbeitern besetzt, die uns in allen Fragen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Erfolg kommt nicht von ungefähr.  Daher ist der Wille, die Leistungsbereitschaft, der Pragmatismus und die Lebensfreude, die Frankfurt in den letzten 150 Jahren prägten, auch die entscheidende Erfolgsbasis für die Zukunft. Ein echter Frankfurter und Germane wird man heute nicht durch Geburt sondern vielmehr durch die eigene Lebenseinstellung. Friedrich Stoltze würde mir heute die kleine Abänderung des Verses seines unvergessenen Gedichtes sicherlich verzeihen.

Solange Menschen mit dieser Lebenseinstellung in Frankfurt leben oder nach Frankfurt und in die Rhein Main Region kommen, können wir beruhigt den Herausforderungen und Veränderungen der nächsten 150 Jahre entgegen sehen.

Und daher….

Uns Germane will es net in de Kopp enei: Wieso kann nor e Mensch ke Frankforter sei! 

Die Germania dankt Frankfurt für 150 Jahre Partnerschaft.