„Vom Bretterschuppen zum Prachtbau“ Die Entstehungsgeschichte des Boots- und Gesellschaftshauses am Schaumainkai

Rede von Dr. Thomas Bauer (Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main) am 19.7.2019 im Kaisersaal im Rahmen der akademischen Feier zum 150. Jubiläum

In der Weimarer Republik, genauer gesagt im Jahr 1924, kletterte die Mitgliederzahl der Germania auf eine bis heute gültige Rekordmarke von 1.286 Personen. Vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Krisen erlebten alle Sportverbände in den ersten Jahren der Weimarer Republik einen enormen Zuspruch. So stieg beispielsweise die Mitgliederzahl der Deutschen Turnerschaft zwischen 1919 und 1922 reichsweit von rund 680.000 auf 1 Million 650.000. Die Begeisterung für den Rudersport bescherte der Germania viele neue Mitglieder und ein gravierendes Raumproblem im alten villenartigen Clubhaus am Schaumainkai.

Die Gründer die Germania, acht jugendliche Ruderpioniere, hatten sich 1869 noch mit einem zugigen Bretterschuppen als Umkleide- und Stauraum unterhalb des Eisernen Stegs in Sachsenhausen zufrieden geben müssen. Nach mehreren Umzügen entlang des südlichen Mainufers konnte es sich die inzwischen etablierte und von dem Direktor der englischen Gasfabrik William Drory geleitete Rudergesellschaft 1885 leisten, das städtische Baugrundstück Schaumainkai 65 zu pachten, um darauf ein funktionales Bootshaus und ein schmuckes Clubhaus mit Aussichtsturm zu errichten.

Für einen Verein von rund 580 Mitgliedern konzipiert, genügte das Gebäude eingangs der 20er Jahre in keinster Weise mehr den steigenden Anforderungen, zumal das Grundstück noch nicht einmal über einen Anschluss an die Kanalisation verfügte. Im Vorstand der Rudergesellschaft begann man sich, über eine Vergrößerung der Clubanlagen Gedanken zu machen.

Der Zeitpunkt, zu dem die Germania die Bemühungen um ein neues Boots- und Gesellschaftshaus intensivierte, das Frühjahr 1923, erscheint in Anbetracht der damaligen unsicheren Zeitläufte äußerst ungewöhnlich. Nur zur Erinnerung: Als Spätfolge des weitgehend über Anleihen finanzierten Ersten Weltkriegs nahm an der Jahreswende 1922/23 eine rapide Geldentwertung ihren Anfang. Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation waren im Oktober 1923 fast 23.000 Frankfurter arbeitslos, Zehntausende waren zur Kurzarbeit verdammt. Bei der Rudergesellschaft stieg der Beitrag bis Oktober 1923 auf 37.500 Mark – im Monat!

Mit Eduard Weber-Andreae stand in diesen schwierigen Zeiten ein führender Vertreter der Frankfurter Wirtschaft an der Spitze der Germania. Der in Hamburg ausgebildete Kaufmann hatte bald nach der Jahrhundertwende mit der Frankfurter Bankierstochter Emma Andreae den Bund der Ehe geschlossen und war 1915 zum Vorstandsmitglied der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron berufen worden. Nachdem Griesheim-Elektron 1925 in der IG Farbenindustrie aufgegangen war, gehörte Weber-Andreae bis zu seinem Tod 1943 dem Vorstand dieses weltgrößten Chemieunternehmens an.

Bei seiner Wahl zum Vorsitzenden der Rudergesellschaft Germania setzten die Mitglieder 1922 große Hoffnungen auf den Wirtschaftskapitän: „Ich bin“, so Weber-Andreaes Selbsteinschätzung im Dezember 1926, „vor etwa 4 Jahren von den Mitgliedern der ‚Germania‘ als Vorsitzender berufen worden, weil man wusste, dass ich ein Herz für sportliche Betätigung besitze und über Beziehungen verfüge, die für den Verein zur Durchführung des Bauprojekts unerlässlich sind.“

Der neue Vorsitzende beantragte im Februar 1923 beim Magistrat sowohl die Überlassung des Grundstücks Schaumainkai 65 in Erbpacht auf die Dauer von 75 Jahren als auch die Erlaubnis für weitere Baumaßnahmen. Zähneknirschend akzeptierte die Germania einen auf nur 25 Jahre befristeten Pachtvertrag, begann aber nichtsdestotrotz unter den betuchteren Mitgliedern für das Bauvorhaben zu werben.

Das Rudern war eine elitäre Sportart der Ober- und der gehobenen Mittelschicht. Beim Blättern im Mitgliederverzeichnis der Germania von 1927 sind daher viele bekannte Namen der Frankfurter Gesellschaft zu entdecken, so zum Beispiel der Bankier und Mitstifter der Frankfurter Universität Freiherr Max von Goldschmidt-Rothschild, die Brüder und Aufsichtsratsmitglieder der IG Farben Arthur und Carl von Weinberg oder der Bankier Ernst Max von Grunelius, dessen Vermögen nach seinem Tod 1987 in die „Ernst Max von Grunelius-Stiftung“ eingehen sollte, die heute wiederum das im Mainfeld geplante Jugend- und Schulruderzentrum der Germania finanziell unterstützt.

Das Ergebnis des Spendenaufrufs von Eduard Weber-Andreae für das neue Clubhaus fiel überwältigend aus: Bis Dezember 1926 kamen 140.000 Mark zusammen, zuzüglich der zugesagten Materialspenden und Arbeitsleistungen waren die auf 165.000 Mark veranschlagten Kosten für das von dem Architekten Fritz Josseaux entworfene Boots- und Gesellschaftshaus nahezu gedeckt. Das Bauunternehmen Philipp Holzmann stand bereit, um den ersten Spatenstich auszuführen.

Der Vorstand der Germania hatte die Rechnung jedoch ohne das Hochbauamt der Stadt Frankfurt und den ambitionierten Dezernenten für Städtebau, Ernst May, gemacht. Speziell der für die ästhetische Vereinheitlichung des Stadtbildes zuständige Abteilungsleiter der Baubehörde, der Architekt Adolf Meyer, machte den Verantwortlichen der Germania das Leben schwer. Meyer missfiel der ganze „Baustil“ des geplanten Gebäudes und brachte mit immer neuen Einwänden den Verhandlungsführer der Germania, den Geheimen Medizinalrat Gustav Spiess, derart auf die Palme, dass sich dieser verärgert zurückzog. Stadtrat May hielt die Bedenken seines Mitarbeiters für berechtigt und legte im Dezember 1926 gegenüber den eingereichten Bauplänen sein Veto ein:

„Herr Architekt Meyer“, erklärte der Baudezernent, „legt mir heute die seitens der Rudergesellschaft Germania zur Ausführung vorgesehene Zeichnung vor, die leider noch immer nicht der Bedeutung des Platzes am Main entspricht. Für die Bebauung eines städtischen Grundstückes unmittelbar neben dem Städel’schen Kunstinstitut, muss eine in jeder Hinsicht einwandfreie Architektur verlangt werden, ein wirklich erstklassiges Kunstwerk.“

Nachdem Stadtrat Ernst May schlussendlich einer um nahezu 4 Meter aufgestockten Variante des Gebäudes zugestimmt hatte, bezuschusste der Magistrat die wegen der Nachbesserungen auf 214.000 Reichsmark gestiegenen Baukosten immerhin mit 20.000 Mark aus der Stadtkasse. Die Grundsteinlegung für den Neubau, mit dem man, „eine neue Aera sportlichen Aufstiegs, sportlicher Erziehung und geselligen Lebens“ zu begründen hoffte, erfolgte mit rund einjähriger Verspätung am 25. September 1927.

Oberbürgermeister Ludwig Landmann öffnete am Samstag, den 6. Oktober 1928, eigenhändig mit einem goldenen Schlüssel das Tor zum neuen Boots- und Gesellschaftshaus der Germania am Schaumainkai. Anschließend schritten die Gäste der Einweihungsfeier durch ein Spalier junger Rudersportler hinauf in den großen Festsaal. Unter den Festgästen befanden sich mit Heinrich Hartmann und Wilhelm von Mumm die letzten beiden noch lebenden Gründungsmitglieder der Germania, die sich noch gut an den Bretterschuppen am Eisernen Steg erinnern konnten, und jetzt beim Anblick des neuen Vereinsdomizils aus dem Staunen kaum noch herauskamen.

Der „Prachtbau“ wurde von allen Seiten gelobt. Der „General-Anzeiger“ feierte das Clubhaus als „städtebaulichen Gewinn“, die „Frankfurter Zeitung“ zeigte sich ebenfalls beeindruckt:

„Innerhalb Jahresfrist“, so das renommierte Blatt, „ist am Schaumainkai, Ecke der Holbeinstraße, ein Bau entstanden, dessen ruhige vornehme Linien sich harmonisch eingliedern in die Villenbauten der Umgebung und der, von der Straße zurückstehend, mit seinem Flachbaudach durch die Wucht des Städelschen Institutsbaues nicht erdrückt wird. Es ist der Neubau des Gesellschafts- und Bootshauses der Frankfurter Rudergesellschaft ‚Germania‘, die nach mannigfachem Wechsel ihrer Heimstätte nunmehr das Heim gefunden hat, das dem gesteigerten Mitgliederstand und den neuzeitlichen Forderungen des sportlichen und gesellschaftlichen Betriebes eines großen Sportvereins gerecht wird.“

Die Rede wurde dem Vorstand der Germania dankenswerter Weise von Dr Bauer überlassen.