Warum man beim „Head of the Yarra“ besser Backbord rudert

Lutz L., z.Zt. Sydney, Australien

Die Australier sind verrückt nach Sport. Und rudern macht da zum Glück keine Ausnahme. Die Rudervereine hier sind also ein gutes Pflaster und erste Anlaufstelle für einen rudernden „Expat“ auf Suche nach Betätigung und neuen Kumpels. So bin ich also auf direktem Weg nach der Ankunft in Sydney aus dem Flugzeug in einen Masters D Mixed-Achter gesetzt worden. Kurz darauf haben meine neuen Bootskameraden vom St George Rowing Club in Como (gegenüber von Lugarno, nördlich von Engadine) mir mitgeteilt, dass ich Ende November in Melbourne zum „Head of the Yarra“ eingeteilt bin. Und so ein Head kann ich mir doch nicht entgehen lassen – 270 Achter am Start und eine große Party danach (gesponsort von der lokalen Brauerei), alles in der Stadtmitte von Melbourne, das klingt schon gut. Dass die Strecke über 8km lang ist, wurde mir erst häppchenweise erklärt und ich habe es gerne verdrängt. Aber in Australien ist ja alles groß! Von daher passt die Streckenlänge ins Bild.

Der Bootstransport über 1.000km hat allen auch nur ein müdes Lächeln abgerungen. Kein Thema! „Später in der Saison fahren wir (WIR?) auf die Masters-Meisterschaften nach Perth! DAS ist ein langer Transport!“ Auf google maps wird das ganze Ausmaß deutlich: Von Sydney nach Perth sind es ca 4.000km, das entspricht ungefähr der Strecke von Madrid nach Moskau. Oder vier Tage lang, jeweils 12 Stunden, durch das Outback Hänger fahren. Dann ist man dort. Zurück ist ähnlich weit. Da lobe ich mir die Mosel, da ist man in zwei Stündchen.

Melbourne hat ein Rudererdorf! Mitten in der Stadt gelegen, schräg gegenüber der Rod Laver-Tennisarena, findet man die Boathouse row mit 8 Vereinen, und man stelle sich vor- in jedem ist Leben und Trubel. Hier startet also das große Head of the Yarra.

Die Regatta selbst ist eine logistische Meisterleistung – 270 Boote müssen in Abständen von 10 Sekunden über einen sehr kurvigen Kurs und unter 11 schmalen Brücken hindurch gelotst werden. Zum Ziel hin wird der Yarra dann auch immer schmaler. Denn es geht natürlich gegen die Strömung.

Wir durften als erste unserer Abteilung starten und wurden von den anderen sieben Achtern gejagt. Direkt nach uns startete eine Mannschaft aus Japan, dann kamen die beiden vermutlich stärksten Boote von „Phoenix Rowing Club“ und „Commercial“. Wer schonmal ein Head gerudert hat, kennt es: vor dem Start kann man sich nicht warmrudern, man liegt eine halbe Stunde auf dem Wasser und wird schön kalt. Dann geht es los und der erste Kilometer ist recht schmerzhaft. Der innere Schweinehund im Ohr ist ganz aufgeregt, bis der Körper auf Betriebstemperatur ist. Unser Boot kam schön ins Laufen, wir hatten gleich ein gutes Gefühl. Die Zweifel nagen aber und der Schweinehund ruft: „Es ist noch ganz schön weit!“. Von den Japanern konnten wir uns schnell absetzen, die anderen Boote bleiben dran. Dank unserer Steuerfrau aus Melbourne konnten wir die engen Kurven ideal nehmen und in der Streckenmitte, am „Big Bend“, hatten wir einen schönen Abstand herausgerudert. Big Bend und die anderen engen Kurven schafft man trotz Flusssteuer nicht ohne überziehen der Steuerbordseite, Backbord ruht sich solange aus. Bei jedem „Zehner nach der Kurve“ habe ich die Backbordseite um diese kleine Pause beneidet. Nach der Zielbrücke war der Abstand zu den anderen schwer einzuschätzen, wir waren froh über das „easy all!“.

Beim ein- oder anderen Bier überzeugten wir uns danach gegenseitig davon, heute richtig schnell gerudert zu sein. Zum Glück wurde dieses Gefühl auch bestätigt – wir haben gewonnen! Laut und deutlich.

Als internationale Crew waren wir stolz auf die geruderte Zeit und das Ergebnis: Zwei Iren, jeweils ein Schotte, Engländerin, Kanadierin, der Deutsche und zwei „true blue Aussies“ haben für den St George Rowing Club das „Head“ gewonnen! Mit all diesen „PoMs“ an Bord – die Australier nennen Briten „Prisoners of her Majesty” – war eine gesellige Nachbereitung des Rennens garantiert. Und beim nächsten Mal fahre ich Backbord!

Details unter:

http://headoftheyarra.com/

https://rowersoncooksriver.com.au/rowing-club/