Nominierungsprozess Olympische Spiele 2021

Die Germania war Mitinitiator der Interessengemeinschaft Leistungssport treibender Vereine und unterstützt die konstruktive und kritische Arbeit dieses Vereins zur Verbesserung der Strukturen und Prozesse im Deutschen Ruderverband DRV. Im Folgenden finden Sie den offenen Brief an das DRV Präsidium, der von führenden Kapazitäten in Ruderdeutschland verfasst wurde. Bisherige IGL Beiträge und Stellnungnahmen finden sie auf https://igl-rudern.de/

 

 

Nominierungsprozess Olympische Spiele 2021

Die Corona-Pandemie stellt den Rudersport vor riesige Herausforderungen, die alle betreffen – Vereine, Verbandsverantwortliche, Trainer und in besonderem Maße die Sportler. Der Wegfall adäquater Trainingsmöglichkeiten, der nahezu totale Ausfall nationaler und internationaler Sportwettbewerbe in 2020 sowie die Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele um ein Jahr stellen für die Sportler eine enorme Belastung dar. Sportliche, private und berufliche Pläne müssen neu durchdacht werden.

In dieser Situation besteht die akute Gefahr, dass Sportler, denen ein komplettes Jahr verloren geht, nachhaltig demotiviert werden und dem Rudersport dauerhaft verloren gehen. Dies betrifft insbesondere auch den Kadernachwuchs, der jetzt vor der Frage steht, ob es Sinn macht, weiterhin dem Rudersport die Priorität einzuräumen. Hier müssen nicht nur die Vereine, sondern auch der Deutsche Ruderverband unterstützen. Gelingen kann dies nur, wenn man den Sportlern mit größtmöglicher Flexibilität entgegenkommt und ihnen die Entscheidungsfindung erleichtert. Insbesondere braucht es Trainingsbedingungen, die gerade in Zeiten von Corona zum Leben des Athleten passen sowie faire und transparente Qualifikationswege, bei gleichzeitiger Sicherung des Prinzips der Bestenauslese. Das Jahr der Verschiebung bietet also auch Chancen. Entscheidend ist, dass „alle an einem Strang ziehen“.

Die vom DRV seit 2018 durchgesetzte Zentralisierung mit der Anwesenheitspflicht der Sportler an den Bundesstützpunkten in Berlin/Potsdam, Ratzeburg und Dortmund, hat große Probleme und Verunsicherung verursacht und sie hat weiterhin das Potential, den Deutschen Rudersport dauerhaft zu spalten. Fortgesetzt und verstärkt wurden die Probleme durch einen in vielen Disziplingruppen intransparenten, schlecht kommunizierten Nominierungsprozess für die Olympischen Spiele. Die aktuelle Situation bietet die Chance, gemachte Fehler zu bereinigen und mit einer neuen, gemeinsam getragenen Strategie nach vorne zu gehen. Hierzu bieten wir unsere konstruktive Mitarbeit an. Konkret fordern wir Folgendes:

 

 

–              Dezentrales Training für die Klein- und Mittelboote

Überflüssige formale Hürden müssen abgebaut werden; die Sportler haben es aktuell nicht verdient, dass man ihnen Steine in den Weg legt. Hierzu gehört auch die Anwesenheitspflicht an den Bundesstützpunkten, soweit es die Klein- und Mittelboote betrifft. Die Abkehr von der zwingenden Zentralisierung in Form dezentraler Trainingsoptionen, die glücklicherweise in Teilen ohnehin bereits wieder realisiert ist, muss als solche für alle klar kommuniziert werden. Selbstverständlich zählt hierzu auch die Vorbereitung im Ausland. Schon aus Gründen des Infektionsschutzes ist es geboten, die Konzentration größerer Gruppen auf wenige Standorte zu vermeiden. Die Sorgen der Sportler, die ihr Leben für ein weiteres Jahr neu organisieren müssen und die in der Pandemie-Situation in besonderer Sorge um ihre Familien sind, müssen auch seitens der Sportverantwortlichen ernst genommen werden. Die Argumente, mit denen die IGL die bedingungslose Anwesenheitspflicht an den Bundesstützpunkten – als Voraussetzung für eine Berücksichtigung bei der Olympia-Nominierung – schon immer in Frage gestellt hatte, bekommen in der aktuellen Situation ganz besonderes Gewicht.

Zudem wird zu erwarten sein, dass die enorm belasteten öffentlichen Haushalte bereits in diesem Jahr Kosteneinsparungen suchen werden. Mehr noch als in der Vergangenheit wird man auf die Übernahme von Kosten der Vorbereitung aus regionalen Quellen angewiesen sein. Nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung und Nutzung aller Kapazitäten von Bundesstützpunkten, regionalen Trainingszentren und Vereinen werden wir es schaffen, aus der aktuellen Situation das Beste für den Rudersport in Deutschland herauszuholen.

 

–             Offene und transparente Nominierung für Olympia 2021 auf Basis von Ausscheidungsregatten

Der Nominierungsprozess für die Olympischen und Paralympischen Spiele muss neu geöffnet werden, etwa über nationale Ausscheidungsregatten für Klein- und Mittelboote im Frühjahr 2021. Nur so kann sichergestellt werden, dass auch im Sommer 2021 die Besten in den Booten sitzen, unabhängig vom Standort der Vorbereitung. Gleichzeitig wird damit dem Kadernachwuchs eine Perspektive und ein starker Motivationsschub nach der weggefallenen Saison 2020 gegeben.  Auf Grund der Besonderheit um die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio können wir uns die Alternative der Beschränkung auf nicht qualifizierte Boote als Ausnahme für diesen Olympiazyklus vorstellen. Entscheidend ist, dass Nominierungskriterien in diesem Sinne im Vorfeld früh, klar und allgemeingültig, also ohne Ausnahme einzelner Disziplinen oder Stützpunkte kommuniziert und dann bei der finalen Entscheidung auch eingehalten werden.

 

IGL, April 2020

 

Die IGL hat sich 2018 als Interessenvertretung Leistungssport treibender Rudervereine in Deutschland in Form eines eingetragenen Vereins mit Sitz in Frankfurt am Main gegründet. Ihr gehören zahlreiche bedeutende Rudervereine sowie einige ebenfalls an der Entwicklung des Ruderleistungssports intensiv interessierte Privatpersonen an.