15.07.21 … noch 8 Tage bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Tokio

Fliegende Fische kennt man sonst nur von den großen Weltmeeren, aber anscheinend haben sich auch einige in unseren Fluss verirrt. Direkt neben unserem Bootshaus befindet sich ein kleiner toter Seitenarm des Maruyama Rivers. Weil der Arm nicht allzu lang ist, bot es sich bislang kaum an, dort reinzufahren. Vorgestern taten wir es dann ausnahmsweise doch. Um endlich einmal der Strömung zu entfliehen, da sowieso nicht viele Kilometer auf dem Trainingsplan standen und weil wir Starts und kurze Rennschlagserien üben wollten, sind wir mal ausgebüxt. Der Seitenarm muss unheimlich fischreich sein und die Fische dazu sehr springfreudig. Ähnlich wie Delphine Schiffe begleiten, begleiteten uns Fische. Doch anders als die Delphine sprangen die Flussfische über unseren Bug, über unser Heck, zwischen uns durch, aber auch gegen unser Boot oder unsere Ruderblätter. Es ist ja nicht so, dass wir konzentriert bei der Sache wären. Jedes Geräusch oder sichtbare akrobatische Kunststück hat uns erschrocken Es war nur eine Frage der Zeit bis einer bei uns im Boot landen musste. Ein Fisch sprang, das würde ich als misslungenen Sprung ansehen, gegen meine Hand und schaffte es mit seinen Dornen der Rückenflosse in meine Hand zu stechen. Natürlich musste es danach bluten und meine Hand anschwellen. 

Gestern fand unser Relationsrennen statt, sozusagen die Generalprobe für das erste Olympische Rennen in 8 Tagen. Ich glaube, dass wir um und an der Strecke mehr Zuschauer als es bei den Olympischen Spielen selbst gehabt haben könnten. Verstreut am Fluss standen immer wieder Menschen und haben den verschiedenen Rennen zugeguckt. Der Höhepunkt war eine Grundschulklasse, die mit schweizer und deutschen Flaggen und Wimpeln vor allem aber mit einer unbändigen Freude „ausgerüstet“ war und uns zujubelten und winkten. Das war wirklich schön mit anzusehen und zu hören wie alle „Ohayo-gozaimasu“ riefen – Einen schönen guten Morgen. 

Die Bedingungen auf der Strecke waren nicht ganz so toll wie die Stimmung der Kinder. Gestern war es ziemlich windig. Dabei war die Mischung aus Windrichtung und Flußströmung genauso wie man es nicht haben möchte. Beide verhielten sich genau entgegengesetzt. Es bäumte sich so eine schöne Welle auf. Ich habe in den letzten Tagen schon gespürt wie mein Körper langsam an seine Grenzen kommt und ich es nicht mehr geschafft habe mit Physiotherapie und Yoga und Nahrungsergänzung sprichwörtlich die Wogen zu glätten. Wären wir das Rennen einen oder zwei Tage früher gefahren, denke ich, hätte ich es noch einigermaßen okay über den Parcours gebracht. Gestern war ich nach 1500m dann ganz schön K.O. Das sind die Momente, wo ich mich ärgere, dass mein Körper meinen Geist im Stich lässt. Das soll eigentlich nicht vorkommen. Das schönste wäre es, wenn man durchgehend performt ohne einen Hänger, ohne einmal Schwäche zu zeigen. Das habe ich jetzt nach fast 4 Wochen Trainingslager inklusive Flug, Jetlag und fast tropisches Klima hier vor Ort nicht ganz hinbekommen. 

Wir haben dann gestern entschieden, dass wir heute einen komplett freien Tag einschieben. Wie verrückt das ist, dass man darüber nachdenkt einen Tag nicht zu trainieren und sich fast schlecht fühlt. Ich merke aber heute wie gut mir das getan hat und wie mein Körper darauf  reagiert hat. Jetzt geht’s nur noch darum sich so gut wie möglich zu erholen. Mein alter Trainer hätte gesagt, dass die Ernte jetzt eingefahren worden ist. Morgen beginnt dann der letzte Tag hier in Kinosaki. Es heißt ein letztes Mal rudern und die Boote verladefertig machen, bevor es am  Samstag in einer 11-stündigen Busfahrt ins Olympische Dorf geht.